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Dr. Wladimir Augustinski

Leiter der Repräsentanz der Deutschen Wirtschaft in Belarus

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Konjunkturumfrage "Geschäftsklima in Belarus" 2016

Minsk, März 2016

Bereits zum fünften Mal seit 2012 hat die Repräsentanz der Deutschen Wirtschaft in Belarus (RDW) die Umfrage zum Geschäftsklima in Belarus durchgeführt. Solche Umfragen werden traditionell vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag e. V. (DIHK) und den Auslandshandelskammern (AHK) in Zentral- und Osteuropa sowie in den GUS-Ländern veranstaltet und tragen zum Informationsaustausch zwischen den in den jeweiligen Regionen tätigen Unternehmen bei.

Ziel der Umfragen ist es, eine Vergleichsanalyse der Rahmenbedingungen für die Verwirklichung der wirtschaftlichen, außenwirtschaftlichen und Investitionstätigkeit in verschiedenen Ländern zu erhalten, die die persönliche Wahrnehmung durch die Unternehmen unabhängig von makroökonomischen Daten und Angaben der staatlichen Statistik darstellt. Anhand der Umfrageergebnisse haben die potentiellen Investoren, welche das jeweilige Land als einen möglichen Investitionsstandort und Wirtschaftspartner ansehen, die Möglichkeit, ein zuverlässiges und umfangreiches Bild unter Berücksichtigung der Meinungen und Einschätzungen der befragten deutschen Firmen über die Bedingungen für die Geschäftstätigkeit im Lande zu erhalten.

An der diesjährigen Geschäftsklimaumfrage haben sich 60 in Belarus tätige Unternehmen, vorwiegend mit deutschen Investitionen beteiligt (2015: 57 Teilnehmer, 2014: 42 Teilnehmer). Im Branchenschnitt sind es in diesem Jahr 18 Industrieunternehmen, 30 Unternehmen aus dem Bereich Dienstleistungen, 20 Handelsunternehmen, 6 Energie- und Wasserversorgungsunternehmen sowie 5 Unternehmen der Baubranche. Einige Unternehmen haben die Zugehörigkeit zu zwei oder mehr Haupttätigkeitsbereichen angegeben. Über 90% der befragten Unternehmen sind KMU mit weniger als 250 Mitarbeitern. Fast ein Drittel der Teilnehmer meldet einen Exportanteil am Gesamtumsatz von über 80%. Die Mehrheit der Unternehmen gaben ihre Bewertungen auch bei den vorigen Umfragen ab, wodurch eine gewisse Nachhaltigkeit der Umfrageergebnisse erreicht wird und man diese als ein Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft vor Ort im Laufe der letzten 5 Jahre interpretieren kann.

Konjunkturlage im Überblick

Wirtschaftslage in Belarus / Geschäftslage des Unternehmens

  • Die Bewertungen der aktuellen Konjunkturlage im Land spiegeln wie auch in den letzten Jahren die durch diverse externe und interne Faktoren erschwerte Situation realistisch wider: Der Anteil der „negativ“-Stimmen stieg sogar auf über 70% (2015 waren es 52%, 2014 – 43%). Der Anteil der Umfrageteilnehmer, die die gegenwärtige Lage mit „befriedigend“ eingeschätzt haben, sank demnach um fast die Hälfte - von 48% auf 26%.
  • Bei Erwartungen der Unternehmen für die makroökonomische Entwicklung 2016 ist ein anderer, deutlich positiverer Trend zu verzeichnen – trotz der vorherrschenden rezessionshaften Prognosen: Der Anteil der Unternehmen, die mit einer Verbesserung („positiv“-Antworten) bzw. der Stabilität der Wirtschaftslage im Lande („unverändert“-Antworten) – also einer Nicht-Verschlechterung der Situation - rechnen, stieg markant und liegt aktuell mit rund 60% leicht unter dem Niveau des Jahres 2014 mit 65% (vgl. ca. 25% im Jahr 2015). Der Anteil der optimistischen Stimmen belief sich auf 10,9%, was die Werte von 2015 (1,9%) und sogar 2014 (7,5%) übertrifft.
  • Bezüglich der Aussichten für die Branchenentwicklung 2016 ist eine ähnliche positivere Grundstimmung zu vermerken: Mit der Verbesserung der Situation rechnen „nur“ 14% der Befragten, was gegenüber 0 Stimmen im vorigen Jahr und 12,5% im Jahr 2014 als ein Fortschritt betrachtet werden kann. Der Anteil der Negativerwartungen ist von 2/3 im Jahr 2015 auf 2/5 gesunken. Voraussetzungen für die Nicht-Verschlechterung der Situation sehen 45% (gegenüber 1/3 der Befragten im Vorjahr), was dem Niveau 2014 entspricht (47,5%).
  • Die Bewertungen der aktuellen Geschäftslage im eigenen Unternehmen liegen im Grunde genommen im Trend der letzten Jahre: Mehr als 85% der Umfrageteilnehmer bewerteten aktuell die eigene Geschäftslage als „gut“ oder „befriedigend“ und lediglich von jedem sechsten Befragten wurde die Unternehmenslage als „schlecht“ gesehen. Als Erklärung dafür könnte die Anpassungsfähigkeit der deutschen KMU dienen, welche in Belarus ihre Nischen gefunden haben und die Produkte herstellen bzw. Produkte und Dienstleistungen anbieten, die auf dem inländischen aber auch auf den benachbarten Märkten gefragt sind. Die Aussichten für die Entwicklung der eigenen Geschäftslage wurden gegenüber 2015 positiver bewertet: Der Anteil der Unternehmen, deren Erwartungen für 2016 negativ sind, nahm um das 2-Fache ab und liegt auf das Niveau des Jahres 2014 (17,9% 2016 vs. 39% 2015 und 19,5% 2014). Der Optimisten-Anteil stieg hingegen von 9% auf 23%, erreichte aber noch nicht den Wert des Jahres 2014 - 39%. Insgesamt rechnen mehr als 80% der Befragten mit der Verbesserung bzw. Stabilität der eigenen Situation – so viele wie 2014 (80,5%) und deutlich mehr als 2015 (61,2%).

 

Umsätze / Exportabsatz / Zahl der Beschäftigten / Bruttogewinn / Investitionsausgaben

* Prognose / Erwartungen

  •  Laut den Ergebnissen der Umfrage 2016 sank der Anteil der Befragten, die im letzten Jahr die Steigerung eigener Umsätze in Euro erreicht haben, auf 25% (vgl. 39% im Vorjahr und 58,5% im Jahr 2014). Der Anteil der Unternehmen, die Senkung der Umsätze verbucht haben, stieg im Vergleich zu 2015 leicht weiter (2016: 39,9%, 2015: 38,9%, 2014: 22%). Jedes dritte Unternehmen konnte Umsätze auf dem gleichen Niveau erzielen (2015 und 2014 – jedes fünfte). Für 2016 prognostizieren drei von vier Unternehmen (74,2% der Umfrageteilnehmer) eine Steigerung bzw. Erhaltung der Umsätze, was sogar leicht über dem Wert 2014 - 68,3% ist (2015 waren es 57,4%).
  • Ein Drittel der befragten Unternehmen verzeichnete die Senkung ihrer Exportabsätze – etwas mehr als im vergangenen Jahr. Im laufenden Jahr rechnet jedes vierte Unternehmen mit der Exportsteigerung (wie auch 2014 – 25,7%, 2015 gab es wesentlich weniger Optimisten - nur 8,5%). Fast die Hälfte (46,3%) der Respondenten glaubt, dass die Exportvolumen grundsätzlich unverändert bleiben werden (vergleichbar mit 2014 – 48,6%, 2015 – 55,3%), ein Viertel der Befragten stellte die Senkung des Exportabsatzes 2016 in Aussicht (2015 – jeder dritte).
  • 77% der befragten Unternehmen planen die Mitarbeiterzahl 2016 zu behalten bzw. zu erhöhen, was grundsätzlich den Werten von 2015 und 2014 nah ist. Gleichzeitig ist zu vermerken, dass 2016 bereits jeder sechste Umfrageteilnehmer (ähnlich wie 2014) Mitarbeiter einstellen will, obwohl 2015 es nur jeder zehnte war. Die überwiegende Mehrheit – sieben von zehn – beabsichtigt dabei wie auch 2015 die Lohnerhöhung (2014 waren es 50% der befragten Unternehmen). Davon planen zwei von fünf Unternehmen, die Löhne um bis 10% anzuheben. Die Quote der Unternehmen, die die Steigerung der Personalausgaben um 10-30% beabsichtigen, betrug über 30% (2015 – 50%, 2014 – 35%). Bei 1/5 der Befragten bleiben die Lohnkosten unverändert, eine Kürzung planen 8,7%.
  • Während 2/3 der Umfrageteilnehmer ihre Investitionsausgaben im letzten Jahr im bisherigen Umfang beibehalten oder sogar erhöhen konnten (2015: 75,5%, 2014: 80%), plant jedes fünfte Unternehmen weitere Steigerung der Investitionsausgaben für die nähere Zukunft (2015 - jedes achte, 2014 - jedes dritte). Der Anteil der Unternehmen, die ihre Investitionen künftig kürzen würden, nahm von 53% im Jahr 2015 auf 33% ab (2014 waren es 15%).
  • Die Bewertungen in Hinsicht auf die im Vorjahr erzielten Brutto-Gewinne entsprechen den Kennziffern der Umfragen 2015 und 2014: zwei Drittel gaben eine Steigerung bzw. eine Beibehaltung an, ein Drittel - eine Senkung. Bei der Entwicklung der Bruttogewinne im laufenden Jahr gehen mehr Teilnehmer von einer Erhöhung aus - 25% gegenüber 15% im vorigen Jahr und 37% im Jahr 2014. Einen Rückgang der Gewinne vor Steuern stellt über ein Drittel der Unternehmen in Aussicht, während es 2015 über 50% und 2014 über 30% der Umfrageteilnehmer waren.

Standortfaktoren

Bewertung von Standortkriterien nach Zufriedenheit

Als Risiken für die Unternehmensentwicklung werden durch die Umfrageteilnehmer vor allem Wechselkursschwankungen und deren negative Folgen, Senkung der Nachfrage und Schrumpfung von Absatzmärkten, sich verändernde wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, bestehende Handelsbarrieren / Bevorzugung einheimischer Unternehmen, Engpässe bei Finanzierungsmöglichkeiten und Gewährleistung der Rechtssicherheit genannt. Die Bewertung von einzelnen Standortkriterien nach Zufriedenheit (Durchschnittsnote) sind folgender Bewertungsskala zu entnehmen.

  • Bei der Einschätzung der Standortqualität Belarus wurde von den Befragten im laufenden Jahr die Infrastruktur hervorgehoben, die als Faktor mit einer kumulierten Gesamtnote von 2,4 auf den ersten Platz gerückt ist (2015: Rang 2 mit 2,5 Punkten). Traditionell wurden von den Befragten auch die politische Stabilität im Lande (2,5), Qualifikation der Arbeitnehmer (2,6), Qualität der akademischen Ausbildung (2,8), Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer (2,9) sowie Arbeitskosten (2,9) ausgezeichnet. Markant ist dabei die Verbesserung der Bewertung der Produktivität der Arbeitnehmer (2,9, +7 Plätze) sowie der Verfügbarkeit von Fachkräften (3,0, +4 Plätze), was auf die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt zurückgeführt werden könnte. Ebenso sei der Aufstieg solcher Faktoren wie Steuersystem und Behörden (3,0, +5 Plätze) sowie Steuerbelastung (3,1, +3 Plätze) zu vermerken. Die Mitgliedschaft der Republik Belarus an der Eurasischen Wirtschaftsunion wurde erneut mit 2,9 Punkten ziemlich hoch bewertet und ist unter den TOP 10, konnte sich aber als Standortfaktor noch nicht zu einem Standortvorteil entwickeln.
  • Eine negativere Dynamik zeigten dagegen solche Faktoren wie Bekämpfung der Korruption, Kriminalität (3,2, -9 Plätze, ca. 40% der unzufriedenen Stimmen vs. 19% im Vorjahr), staatliche Lohnpolitik (3,3, -4 Plätze) und Flexibilität des Arbeitsrechtes (3,4, -4 Plätze, 41,3% 2016 vs. 30% 2015). Die Bewertung weiterer Standortfaktoren entspricht grundsätzlich deren im Jahre 2015.
  • Das Schlusslicht der Tabelle bilden in diesem Jahr die Zahlungsdisziplin (mehr als Hälfte - 54,4% der Negativbewertungen) und die Qualität der Finanzleistungen (48,2% der Negativstimmen). Diese Bewertungen sind schon aussagenhaft, da der noch im Vorjahr letztplatzierte Standortfaktor – die Berechenbarkeit der Wirtschaftspolitik aktuell weniger unzufriedene Einschätzungen erhalten hat – 45% vs. 64%. Es könnte dadurch bedingt sein, dass die Tätigkeit der deutschen Unternehmen in Belarus angesichts der schwierigen Wirtschaftslage in Belarus mehr durch die verschlechterte finanzielle Lage der belarussischen Geschäftspartner und die Bedingungen für den Zugang zu Kreditressourcen gefährdet wurde.
  • Auf die Frage, wie sich bisher die Wirtschaftssanktionen der EU und USA gegen Russland sowie die Gegensanktionen angesichts der Ukraine-Krise auf die Geschäftstätigkeit in Belarus ausgewirkt haben, gaben zwei Drittel der Befragten negative Einschätzungen: „eher negativ“ - 43% und „sehr negativ“ - 19%.
  • In Hinsicht auf das Inkrafttreten des EU-Freihandelsabkommens mit der Ukraine ab 1. Januar 2016 überwiegen die „neutral“-Stimmen: Über drei Viertel vermuten keine Auswirkungen für das eigene Unternehmen, über die Hälfte - für den belarussischen Markt im Ganzen (vielmehr glaubt 1/3 an positive Impulse).
  • In der Aufhebung des Freihandelsabkommens zwischen Russland und der Ukraine ab 1. Januar 2016 sehen 40% der Befragten einen negativen Faktor für die Entwicklung des belarussischen Marktes. Gleichzeitig glauben drei von vier Unternehmen, dass es keine (70%) bzw. eher positive (9%) Auswirkungen auf ihre Tätigkeit verursacht.

Standortqualität im internationalen Vergleich

  • Sogar unter Berücksichtigung der Subjektivität und der Relativität der dargestellten Umfrageergebnisse sei zu vermerken, dass im Jahr 2016 Belarus mit Rang 13 in der Kategorie Standortattraktivität wesentlich besser als in den Vorjahren – Platz 19 2015 und 2013, Platz 22 im Jahr 2012 – platziert ist (mit Ausnahme von Rang 10 im Jahr 2014, wo die Standortqualität vor dem Hintergrund des Ukraine-Konfliktes und der sich gerade verschärften Situation in der Region wohl eher emotional bewertet wurde) und zusammen mit solchen Ländern wie Russland, Slowakei, Slowenien, Montenegro, Serbien und Ungarn den mittleren Tabellenkern bildet.
  • Die Anzahl der Unternehmen, die Belarus als einen Investitionsstandort wieder wählen würden, liegt in der aktuellen Umfrage allerdings bei 52%, was zwar dem Ergebnis des Jahres 2015 entspricht (49%), aber von den Werten aus den Jahren 2013-2014 (70%) noch weit entfernt ist. Die Befragten, die sich heute für einen anderen Investitionsstandort entscheiden würden, nannten vor allem die Nachbarstaaten-EU-Mitglieder als Alternativstandorte. Auf den Top-Rängen der attraktivsten Investitionsstandorte aus der Sicht der Befragten stehen Deutschland (allerdings mit einer im Vergleich zum Vorjahr schlechteren Note – 2,3), Österreich, die „neuen“ EU-Mitglieder Polen, Tschechien, Litauen und Estland sowie China.

Kumulierte Betrachtung der Standortattraktivität im internationalen Vergleich

1 = sehr attraktiv .. .. 6 = nicht attraktiv

Fazit

Die Ergebnisse der im Jahr 2016 durchgeführten Geschäftsklimaumfrage lassen feststellen, dass die teilnehmenden deutschen Unternehmen in Belarus die aktuelle Wirtschaftslage im Land, die Branchenentwicklung und die Situation im eigenen Unternehmen sowie den Einfluss von einzelnen Standortfaktoren auf ihre Geschäftstätigkeit im Einklang mit den vorherrschenden Trends der makroökonomischen Konjunktur realistisch einschätzen.

Gleichzeitig kann man in Hinsicht auf die Prognosen für das laufende Jahr – sowohl auf der makro- als auch mikroökonomischen Ebene – vorsichtig von einer positiveren Grundstimmung der Bewertungen sprechen, es zeichnet sich sogar eine gewisse Trendwende von der Verschlechterung zur Verbesserung der Einschätzungen ab, die jedoch gegenüber den Vorkrisenbewertungen noch deutlich zurückliegen.

Dieser Erwartungstrend mündete weiterhin in einer besseren Bewertung der Standortqualität im internationalen Vergleich und reflektierte anscheinend – noch im Voraus – eine optimistische Sichtweise im Zusammenhang mit der Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Belarus (der Beschluss der EU ist am 27. Februar 2016 in Kraft getreten), deren erste Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit der deutschen Firmen im Land und die bilaterale Wirtschaftszusammenarbeit im laufenden Jahr schon bei der nächsten Geschäftsklimaumfrage eingeschätzt werden könnten.

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